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Im Porträt: Franz und Irg Steiner

tag_danach (c) Archiv Lodenwalker

Eine besondere Seilschaft: Franz und Irg Steiner

Immer wieder wird das kletternde Ramsauer Brüderpaar als eine Seilschaft beschrieben, deren Stärken sich ideal ergänzten: Irg, der Schneidigere, der Draufgänger. Franz, der Ruhigere, Bedächtigere, aber keinesfalls „schlechtere“ Kletterer oder Bergführer. Den beiden und ihrer Erstbesteigung setzte der Schriftsteller Kurt Maix in seinem Buch „Im Banne der Dachstein-Südwand“ ein Denkmal und hat darin viele Anekdoten, speziell aus dem bewegten Leben des Steiner Irg, bewahrt.

Der Irg war bei allen Bergabenteuern dabei, bei jeder Gaudi, aber auch bei vielen, schwierigen Bergrettungen, ohne darum große Geschichten zu machen. Irg wird charakterisiert als ein Jäger, immer auf der Jagd nach Gipfeln, Gämsen und Schürzen. Nicht weniger als 14 ledige Kinder (manche meinen 23 oder gar noch mehr), aufgeteilt auf mehrere Mütter und verteilt um den Dachstein, werden ihm nachgesagt. Franz Steiner dagegen hat die Lodenwalke in Mandling aufgebaut, Jodler und Volkslieder gesammelt und ein bürgerliches Leben bevorzugt. Jugendjahre Die „Steinerbuam“ sind in der heutigen Lodenwalke in Ramsau Rössing geboren und aufgewachsen. Der Vater, Johann Steiner war ein Bergführer der „ersten Generation“, dem die Erstbesteigung der Großen Bischofsmütze mit dem Ramsauer Johann Schrempf am 28. Juni 1879 gelang. Später bekam Johann Steiner von der ÖAV (Österreichischer Alpenverein) Sektion Austria sogar den Auftrag, eine Kletterroute durch die Dachstein-Südwand zu finden. Mit seinem Bergkameraden Schrempf gelangte er bereits bis zum so genannten „Dachl“. Damit ermöglichte er seinen Söhnen, den berühmten Dachsteinführern Franz und Georg, bereits den Einstieg in die Südwand.

 

Franz (Bildmitte) mit seinen Jagdkollegen

Franz Steiner
geboren am 29. 9. 1884 in Ramsau Rössing,
gestorben am 29. 3. 1965 in Mandling
Franz, dessen Ruf als Bergführer kaum geringer war als der des Irg, war mehr für die Lodenwalkerei in Rössing, der Geburtsstätte, zu begeistern, als sein jüngerer Bruder. Als gelernter Lodenwalker zog er bereits 1910 von Ramsau nach Mandling. Dort übernahm er von seiner Tante, der Schwester des Ramsauer Lodenwalkers Zacharias Walcher in Ramsau Rössing, die 1888 gegründete „alte Lodenstampfe“. Hier lernte übrigens auch sein jüngster Bruder Richard (geb. 1907), für den er 1914 nach dem frühen Tod der Eltern die Vormundschaft übernahm, das Handwerk der Lodenwalkerei. Richard führte später die Lodenwalke in Ramsau Rössing mit großem Erfolg weiter. In Mandling begegnete Franz Steiner seiner Frau Maria, einer gebürtigen Lungauerin, die ihm mit Willi (sein späterer Nachfolger), Franz, Erni, Gretl und Trude fünf Kinder schenkte. Franz Steiner, der ältere der legendären Steinerbrüder, lieferte der schreibenden Zunft mit seinem soliden Lebenswandel, er stieg sogar zum Kommerzialrat auf, wenig Stoff. Er baute die Lodenwalke in Mandling zu einem florierenden Betrieb aus. Heute besteht „Loden Steiner“ bereits in fünfter Generation. In seiner Freizeit widmete er sich der Pflege der Volksmusik. Franz liebte das Jodeln und Singen, spielte Ziehharmonika und Gitarre. Er war Teil der Mandlinger Jodlergruppe. Bis ins hohe Alter verband ihn mit seinem Bruder jedoch die Bergsteigerei.

Georg (Irg) Steiner
geboren am 25. 2. 1888 in Ramsau Rössing
gestorben am 20. 10. 1972 in Gosau

Um den Steiner Irg, in seinem Taufschein steht Georg, ranken sich viele Anekdoten und Geschichten. Zahlreiche davon ließen das Klischee vom urigen Kraftlackl entstehen, der tagsüber die Berge und nächtens die Sennerinnen besteigt. Er war ein Freigeist, die Arbeit interessierte ihn weniger. Irg war Kletterer, Bergführer, Bergretter, Wilderer, Abenteurer, Erfinder und ein Naturbursch.

Der Bergsteiger Irg: Er war ein ausgezeichneter Kletterer und verfügte über einen ausgeprägten Sinn für Durchstiegsmöglichkeiten. Sein bergsteigerischer Ruhm gründet vor allem auf die Erstbegehung der Dachstein-Südwand. Dies war aber bei weitem nicht die einzige und auch nicht die schwierigste. Die meisten Erstbegehungen glückten ihm mit dem Wiener Alfred Goedel. Noch mit 50 Jahren gelangen ihm aufsehenerregende neue Routen, z.B. der Südwandtrichter (V) der Großen Bischofsmütze; eine Route, die im Inneren des Berges durch Schlüfe, Kamine und Eisgrotten in die Höhe führt! Irg genoss aber auch einen hervorragenden Ruf als Bergführer. Er wurde nicht nur für Touren in seiner Heimat engagiert, mit den verschiedensten Gästen war er im gesamten Alpenraum1) unterwegs. Als Bergretter war er immer zur Stelle, wenn Menschen in Not gerieten, ohne darum viel Aufhebens zu machen. Für seine Einsätze in der Bergrettung erhielt er das Grüne Kreuz.

Franz und Irg in hohem Alter

Erfinder und Tüftler : Sein Einfallsreichtum beschränkte sich keineswegs nur auf die Suche nach neuen Routen im Fels. Bis zu seinem Tod blieb Irg ein origineller Mensch mit vielen neuen Ideen. So erfand er eine eigene Abseilmethode.2) Als Skiläufer blieb er zwar der Einstocktechnik treu, dennoch experimentierte er daran herum. Als Aufstiegshilfe hatte er Vertiefungen in die Lauffläche gekerbt, die beim Ansteigen Halt gaben, in der Talfahrt aber nicht störten. Der Schuppenbelag von Langlaufskiern ist heute die moderne Version einer seiner Erfindungen, welche nie ein Patentamt beschäftigte. Er entwickelte später auch den Plan zu einer Hundert-Meter-Schanze auf der Zwieselalm, Jahre bevor Bubi Bradl als erster Skispringer diese Weite in Planica erreichte.

 

Umstrittener Freigeist: Trotz aller Leistungen war der Steiner Irg in seiner Heimat nicht unumstritten. Für die einen ist er der Inbegriff für Mut und Freigeist, für die andern ein „Tunichtgut“, der sein Leben der Eroberung des Nutzlosen widmete. Die Anekdoten, die vom Irg erzählt werden, sind fast so berühmt wie seine Touren. Auch jene, die ihn ungewollt als Pazifisten erscheinen lässt, als er im Ersten Weltkrieg nach wenigen Wochen desertierte und dies zu Hause mit der Bemerkung kommentiert: „Im Kriag, da schiassn’s ja auf’d Leit!“ Der Hintergrund der Fahnenflucht war die Tatsache, dass er nicht zur Bergführerkompanie an die Dolomitenfront, sondern in die serbische Ebene versetzt worden war, und das konnte sich ein Steiner Irg nicht gefallen lassen. Lange Jahre lebte er vogelfrei in den Dachsteinbergen, entwischte seinen Häschern immer wieder um Nasenlänge und überlebte so den Krieg.

Der Wilderer: Auf seinen Wilderer-Streifzügen durchkämmte er die Berge und Wälder bis in die kaiserlichen Jagdreviere Oberösterreichs und Salzburgs. Wenn die Jäger oder Bauern, auf deren Gründen er sich die Gämsen schoss, wieder einmal hinter ihm her waren, hieß es für den Irg untertauchen, wenn’s auch oft nur die nächste Bettdecke war (was die reiche Kinderschar erklärt). Einmal haben sie ihn doch erwischt und er landete im Gefängnis, bei Wasser und Brot! Als diese eintönige Ernährung dem Irg nicht mehr behagte, verbog er kurzerhand mit seinen Bärenkräften die Gitterstäbe seines Gefängnisses derart, dass er hindurch schlüpfen konnte. Nachdem er sich des Nächtens bei einer ihm wohlgesonnenen Bäuerin mit Speck und Krapfen versorgt hatte, legte er sich wieder in seine Zelle und bog die Gitterstäbe gerade.

 

Er heiratete zwar nach Gosau, sesshaft wurde der Irg aber nie. Immer wieder zog es ihn zurück in die Ramsau, wo er auch begraben liegt. Dem Bergsteigen, aber auch dem Skifahren, blieb er bis ins Hohe Alter treu. Seine Ski waren dabei Unikate: Aus Holz geschnitzt, mit Längsschlitzen, in die er seinen Stecken zum Bremsen hineinsteckte. Seine letzten Winter verbrachte der Irg am Kulmlift in der Vorderen Ramsau. Zu seinem 80. Geburtstag wünschte er sich von seinen Kindern moderne Rennskier. Am nächsten Tag gab er sie jedoch wieder wutentbrannt zurück, weil es ihm nicht gelungen war, seine Schlitze in die Metallski zu sägen. Auch hatte er nie verstanden, warum sich Leute mit ihren Skiern abschleppten. Er praktizierte eine vornehmere Technik: In die Skispitzen hatte er zwei Löcher gebohrt und wenn es nicht gerade bergab ging, zog er seine Ski an einem Seil hinter sich her. Dies ging so lange gut, bis eines Tages beim Überqueren der Straße, seine „heiligen Latten“ unter die Räder kamen…

 

An dieser Stelle beschließen wir die Anekdoten über den berühmten Dachstein-Bezwinger, wenngleich die Geschichten über den Steiner Irg Abende füllen würden. 3)

 1) Einmal engagierte ihn ein wohlhabender Kaufmann für einige Touren im Mont-Blanc-Gebiet. In den Felsen und auf den Gletschern kam er dort glänzend zurecht. Aber als die Heimreise begann, sollte Irg allein von Chamonix in die Ramsau fahren. Diese komplizierte Reise hätte er wohl nicht bewältigt ohne den glorreichen Einfall seines Klienten: Der nämlich hängte ihm eine Tafel um den Hals, auf der in drei Sprachen die Umsteigebahnhöfe und Zugzeiten geschrieben waren, ebenso war darauf die Bitte an die Mitreisenden zu lesen, ihm behilflich zu sein. Wohlbehalten erreichte Irg wieder die heimatlichen Gefilde und Jahre danach konnte er noch von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft fremder Menschen schwärmen. 
2) An eine Brustschlinge hatte er eine mehrfach gekrümmte Wurzel gebunden, durch deren Bögen und Gabeln er das Seil laufen ließ. Hielt er das Seil fest, hielt ihn die Reibung an der Wand. Ließ er etwas locker, glitt er mühelos und bequem am Fels hinunter. Jahrzehnte nach Irgs Heiterkeitserfolg, den er damals bei seinen Bergführerkollegen erntete, wurde sein Prinzip im Abseilachter wiedererfunden.
3) Der Irg ist seinem Ruf sein Leben lang treu geblieben: Als 80-Jähriger, erkrankte er an einer leichten Erkältung. In der Meinung, dass es mit ihm zu Ende gehe, steigt er auf die „Aussicht“, seinen „Lieblingsberg“, schaufelt ein Grab und legt sich hinein. Unglücklicherweise beginnt es zu regnen. Nach zwei Tagen wird es ihm zu ungemütlich, er steht auf, schüttelt den Schmutz aus den Kleidern und geht heim.  
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