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Frischluft tanken direkt an der Quelle

Die Wanderung über den Jungfrauensteig wird belohnt mit einem herrlichen Ausblick auf die Südwände des Dachsteins und auf den
Kurz mal abschweifen…. 

Wenn mir jemand prophezeit hätte, dass ich mit 27 Jahren einen Wanderurlaub mache, hätte ich denjenigen gefragt, ob er von mir spricht. Ja von mir, der Person, die Kiten, Surfen, Motorradfahren oder Inlineskaten zu ihren präferierten Urlaubsvergnügungen zählt. Am liebsten vor der Kulisse eines schönen blaugrünen Meeres. Aber Wandern? „Jeder wird älter und klüger“, zog mich meine beste Freundin Tanja auf. Und so wandere ich nun schon seit zwei Tagen durch Ramsau am Dachstein und muss gestehen: „Es war eine super Idee von dir!“ Erst dachte ich ja, sie erlaubt sich einen Scherz, als ich den Gutschein für ein langes Wanderwochenende unter meinen Geburtstagsgeschenken sah. Doch ich irrte mich. „Ich bin so entspannt wie schon lange nicht mehr. Ehrlich! Die Aussicht ist super, das Essen in den Hütten ist echt lecker und der Wellnessbereich im Hotel kann sich sehen lassen. Danke!“ Wir starteten mit den leichten Wegen am Plateau: Auf dem Buchen- und dem Tannenweg ging es gemächlich voran, zurück liefen wir über den Lärchenweg und die Ahorn Allee. „Wusstest du, dass die Wurzeln von Ahornbäumen bis zu zehn Meter lang werden können und gerne dort wachsen, wo es feucht ist?“ „Wow“, staunte ich. Ich hatte schon gehört, dass dieser Ort auch Ahorntal genannt wird. Unsere Wirtin bestätigte, dass dort, wo die Schneeschmelze sich sammelt, besonders viel Ahorn steht.

Die Wanderwege sind für alle Altersgruppen ideal, konnte ich feststellen. Vom Quartier aus machten wir uns zuerst auf zum Sattelberg. Am Natur- und Umwelterlebnispfad für Kinder sind die Stationen so ansprechend gestaltet, dass wir gar nicht anders konnten, als bei den Fragen mitzuraten – und lagen oft genug mit unseren Antworten daneben. Wir erfuhren dort wirklich Wissenswertes. „Hast du schon mal von einem Widder gehört?“, fragt mich Tanja. Ich denke an das männliche Schaf, aber dass man mit dem gleichnamigen Gerät Wasser pumpen kann, ist mir neu. Genauso wusste ich nichts über den Bau von Wasserrohren aus Holz und ihre überirdischen Transportwege von Hof zu Hof. All das wird uns bei der Kleinen Ramsauer Wasserwelt kind- oder besser gesagt erwachsenengerecht erklärt. Auch fragte ich mich nie, wie die Jahresringe entstehen, aber nach der Wanderung ist mir klar: „Jahresringe entstehen nur in Gebieten, in denen es Sommer und Winter bzw. Trocken- und Regenzeiten gibt.“ Logisch, aber wer denkt darüber schon im Alltag nach? Oder über die Frage, aus welchem Holz Geigenbögen gemacht werden?

Die Fragen am Umweltlehrpfad entlocken uns ein Lächeln

Ähnlich in die Kindheit zurückversetzt, fühlen wir uns am Märchenweg auf den Rittisberg. Wir nehmen eine Rätselkarte und spielen mit. Links und rechts des Weges finden wir dabei nicht nur die Märchenfiguren, die es zu suchen gilt, sondern auch jede Menge rote und schwarze Beeren. Köstlich! Lachend, und mit so vielen interessanten Ablenkungen, vergeht die Zeit wie im Flug und ein Gipfel nach dem anderen ist im Nu bezwungen. Danach gönnen wir uns eine „natürliche“ Fußmassage. Den neu errichteten Barfuß-Trail lassen wir uns selbstverständelich nicht entgehen. Ein spannendes Erlebnis, vor allem, wenn man sich von der Freundin führen lässt, die Augen schließt und dabei versucht, die verschiedenen Untergrundarten mit den Füßen zu erfühlen. Der Rückweg führt uns über den Rittisbergrundweg, vorbei an noch mehr Heidelbeeren und zum Philosophenweg. Da erwartet uns linker Hand eine kleine Kneippanlage, mitten im Ramsaubach. Eine wohltuende Erfrischung nach unserem Tagesmarsch. Dort sehen wir auch eine Fischzucht und beschließen, uns vor unserer Abreise mit schmackhaften Gebirgs-Räucherforellen einzudecken. Tags darauf wagen wir uns höher hinauf. Wir wandern über den Jungfrauen-Steig und machen dabei knapp 1.000 Höhenmeter. Der Pfad führt uns abermals durch den Wald, geschützt vor der prallen Sonne. Der Duft der Latschen und Zirben ist beinahe betörend und ich erinnere mich an die hausgemachten Schnäpse, die wir uns gestern Abend gegönnt haben. „Die Almen südseitig vom Dachstein waren in den 30er Jahren derart mit Latschen überwuchert, dass es notwendig wurde, die Halden zu säubern. Die Latschen wurden auf mehreren Sammelstellen gehäckselt und an Ort und Stelle destilliert. Andere gewannen aus dem Rohprodukt medizinisch wertvolles Latschenöl und es wurden auch Latschenbäder angeboten, die gut für die Atemwege gewesen sein sollen“, belehrt mich Tanja aus dem Geschichtsbuch, als wir auf einem der vielen Bänke sitzen.

Der Steig wird steinig und plötzlich erheben sich vor uns Felsformationen, die wir hier niemals erwartet hätten. „Diese Erdpyramiden aus Konglomerat sind einzigartig in Mitteleuropa“, liest Tanja weiter im Wanderführer, „und bei den ‚Steinernen Jungfrauen’ befand sich der Steinbruch für das Material zum Bau der evangelischen Kirche.“ Am Ende des Weges, direkt an den schier senkrecht abfallenden Dachsteinsüdwänden, verweilen wir auf einer Bank, lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen und genießen den unglaublichen Ausblick über die Ramsau, das gesamte Ennstal mit seinen unzähligen Gipfeln und bis hinüber zum schneebedeckten Großglockner. Frohen Mutes wollen wir morgen die Königsetappe in Angriff nehmen. „Da werdet ihr Almrausch und Enzian sehen, unzählige Almblumen entlang des Weges, Wacholdersträuche und mit etwas Glück trefft ihr auch auf Murmeltiere.“ Mit diesem Insider-Tipp unserer Gastgeberin fallen wir müde und voller Vorfreude auf den nächsten Tag ins Bett.

Im Wald mir boten sich zwei Wege dar und ich ging den, der weniger betreten war.
Und das veränderte mein Leben.

                                                                        Robert Lee Frost

Dieser Artikel erschien im Der Dachsteiner Sommer 2012

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