Christian Mitter: „Ich weiche nie von meiner Linie ab“

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Der gebürtige Ramsauer, Christian Mitter, ist seit April 2015 Cheftrainer von Norwegens alpinem Ski-Herren-Team. Über acht Jahre lang lebte Mitter in Oslo; vor kurzem ist er nach Schweden gezogen. Auch wenn sich der Norwegen-Coach in seiner Heimat mittlerweile als Urlauber fühlt, ganz von der Ramsau abgelassen hat er nie. Hier besitzt Mitter ein kleines aber feines Eigenheim. Auch seine Tochter Ella wurde in Ramsau am Dachstein getauft. Nur wenige Tage vor dem Familienfest hat DER DACHSTEINER den Cheftrainer zum Interview im Gasthaus Kulmwirt getroffen.

DER DACHSTEINER: Christian, Sie sind Mitte 30. Wie kommt es, dass Sie bereits in diesem Alter eine solch gewichtige Position einnehmen?

Bei vielen Verbänden spielt das Alter in einer Position, wie der meinen, sicher eine Rolle. Für die Norweger zählen andere Kriterien beim Auswahlverfahren. Ein potentieller Kandidat muss gute Erfolge verzeichnen können, Führungsqualität besitzen und über ein großes Know-how im Bereich der Skitechnik verfügen. Wenn er dann noch mit Geld umgehen kann und bereit ist, sein eigenes Leben bis zu einem gewissen Grad aufzugeben, dann ist für die Norweger das Alter eines Trainers unwichtig. Das Gesamtpaket muss stimmen.

Ihr Schützling Aksel Lund Svindal hat in einem Interview gesagt, Sie seien streng aber das müsse auch so sein. Ist es vielleicht gerade diese Strenge, durch die Sie sich von anderen Trainern abheben?

Ja, vielleicht. Mein Job ist es, Entscheidungen zu treffen. Und diese Entscheidungen ziehe ich mit aller Strenge und Härte durch. Wenn man immer am Zweifeln ist und alles diskutiert, entsteht Unsicherheit in der Mannschaft. Bei einem Apparat von vierzig Personen können sich nicht immer alle einig sein.

Lassen Sie nie mit sich verhandeln?

Es gibt Phasen, da bin ich offener für Kommentare und Ideen. Das ist normalerweise in der Zeit von April bis Mai. Aber danach muss ich einen Weg bestimmen. Und von dieser Linie weiche ich dann nicht mehr ab. Die zieh ich durch. Natürlich muss in weiterer Folge auch das Endresultat stimmen. Wenn man als Trainer drei, vier Mal daneben greift, ist man weg vom Fenster. Es ist eine ständige Gratwanderung.

Sie haben einmal gesagt, bei den Norwegern gebe es keine Alleingänge. Heißt das, es wird ausschließlich im Team trainiert?

Meiner Meinung nach, geht es nur im Team. Jeder hat besondere Fähigkeiten, die er in die Gruppe einbringen kann. Kann einer nichts einbringen, fliegt er raus. Sicher, die Motivation muss von innen kommen, von jedem einzelnen Sportler selbst. Aber das Team ist ausschlaggebend für eine solide Basis.

Ist dieser intensive Teamgedanke der Schlüssel zum Erfolg?

Unser Erfolgsgeheimnis ist einfach erklärt: Wir trainieren so viel, wie nur irgend möglich. Und meiner Meinung nach mehr als andere Verbände. Ich wundere mich oft über Sportler, die sich freuen, wenn sie bis ins Halbfinale kommen. Die würde ich gar nicht mitnehmen. Wir trainieren, um zu gewinnen. Denn wenn man nicht gewinnen kann, sollte man besser zuhause bleiben. Das verinnerliche ich mir bei jedem Training, bei jeder Fahrt.

Wie sehr sind Sie emotional mit Ihren Schützlingen verbunden? Können Sie sich gut abgrenzen?

Ich höre zwar immer wieder von anderen Trainern, wie wichtig es sei, sich abzugrenzen. Manche lassen sich sogar mit „Herr Trainer“ ansprechen. Diese Meinung teile ich nicht. Ich finde, man kann Trainer und Weggefährte gleichzeitig sein. Den Respekt verdiene ich mir, indem ich konstant und fachlich kompetent bin.

Ihr Vater arbeitet als Koordinator im russischen Verband, ihr Bruder Andreas ist Skisprungtrainer bei den Finnen, Sie Cheftrainer bei den Norwegern. Wie kommt es, dass alle drei in den selben Berufen tätig sind?

Ich würde sagen, es ist der Ehrgeiz in der Familie. Und eine gewisse Risikobereitschaft. Als Andi vor der Entscheidung stand, als erster ausländischer Skisprungtrainer nach Finnland zu gehen, hat er mich um meinen Rat gefragt. Und ich hab ihm gesagt: „Tu es einfach. Hau rein!“ Also, zu Hosenscheißern haben uns unsere Eltern sicher nicht erzogen.

Noch einmal zu Aksel Lund Svindal, der sagt: „Mitter ist einer von uns. Ich sehe ihn gar nicht als Österreicher.“ Sehen Sie sich als Österreicher oder als Norweger?

Eher als Norweger. Zumindest im sportlichen Sinn. Bei den vergangenen Olympischen Spielen habe ich mich mehr für norwegische als für österreichische Ergebnisse interessiert. Ich bin eben kein Patriot. Mit 18 bin ich nach Brasilien gegangen, mit 20 nach Australien, danach nach Amerika. Eine Verbindung habe ich nur zur Ramsau – nicht generell zu Österreich.

Pflegen Sie noch Freundschaften in der Heimat?

Ja, zu den Menschen, die mir wichtig sind, schon. Wenn man so wie ich ins Ausland geht, dann findet man diese innigen Freundschaften, die man sich als Kind aufgebaut hat, nicht mehr. Freunde, mit denen man nicht dauernd zwanghaft Konversation treiben muss. Die man einfach so gut kennt, dass es auch kein Problem ist, wenn man nebeneinander sitzt und einmal zehn Minuten lang nichts redet.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in der Ramsau?

Ja, der Brandriedel im Spätherbst. Dort hab ich mir oft gedacht, wie schön es wäre, genau auf diesem Fleck eine Hütte zu haben.